Zwischen Goethe und Marx

Zum 50. Todestag von Georg Lukács

von Dr. Ulrich Wolf

Am 4. Juni jährte sich zum 50. Mal der Todestag des bedeutenden ungarischen Kulturphilosophen und Marxisten Georg Lukács. Als Lukács 1971 im Alter von 86 Jahren starb, hinterließ er nach einem politisch und intellektuell bewegten Leben ein schier unübersehbares Gesamtwerk, das bereits in einer 1965 erstellten Bibliographie an die 900 Titel umfaßte. Mit seinen Studien über die Entwicklungsgeschichte des modernen Dramas und die Theorie des Romans1 gelangte er in der bürgerlichen Welt zu frühem Ruhm. Die Aufsatzsammlung Geschichte und Klassenbewußtsein2 ist für mehrere Generationen von jungen kritischen Intellektuellen Vermittlung zum Marxschen Denken und Ansatzpunkt für revolutionäre politische Praxis gewesen.3 Schließlich war Lukács auch aktiver Politiker; daß er dabei nachhaltig scheiterte, ist symptomatisch für das prekäre Verhältnis zwischen Theorie und Praxis, zwischen Intellektuellem und Partei in der sozialistischen/kommunistischen Bewegung. Grund genug, sich dieses nach Lenin sicherlich einflußreichsten Marxisten des 20. Jahrhunderts 4 zu erinnern.

Vom bürgerlichen Ästhetizismus zum politischen Revolutionär

Lukács wurde am 13. April 1885 in Budapest geboren. Sein Vater war jüdischer Abstammung und wurde 1901, inzwischen Direktor einer führenden ungarischen Bank, von den Habsburgern geadelt. Da seine Mutter Österreicherin war, wuchs Lukács zweisprachig auf. Erzogen nach den Werten eines kulturbeflissenen großbürgerlichen Milieu, wendet er sich schon als Schüler der Literatur zu. Er schreibt Dramen, die er als 18jähriger verbrennt, weil sie nach seiner Überzeugung so „entsetzlich schlecht“ waren. 1904 ist er in Budapest Mitgründer der Thalia-Bühne. Seinen Ruhm als Autor von philosophisch-ästhetischen Essays begründete er mit der 1911 erschienenen Aufsatzsammlung Die Seele und die Formen. Den lebensphilosophischen Hintergrund dieses Frühwerks charakterisierte er rückblickend als den Versuch, „die innere Struktur (…) gewisser typischer menschlicher Verhaltensformen zu verstehen und mittels der Darstellung und Analyse der Lebenskonflikte mit den literarischen Formen in Zusammenhang zu bringen.“5 In dieser Zeit ist Lukács sehr stark von dem Soziologen und Philosophen Georg Simmel beeinflußt, bei dem er in Berlin Seminare besucht und dessen persönlicher Schüler er wird. In Heidelberg, wo 1918 seine Habilitationspläne endgültig scheitern (Lukács ist „Ausländer“ und „Jude“), gehört er während des Krieges zum Kreis um den Soziologen Max Weber. Nicht untypisch für die intellektuelle Physiognomie dieser Zeit ist eine Anekdote, die Helmut Plessner überliefert hat: „Wer sind die vier Evangelisten, fragte man damals: Marcus, Matthäus, Lukács und Bloch.“6 Sowohl Bloch mit seinem Frühwerk Geist der Utopie (1915) wie auch Lukács gehörten also am Vorabend der Oktoberrevolution zu jener geistigen Strömung, deren Basis Lukács später als „naiven und völlig unfundierten Utopismus“7 bezeichnete. „Damals erblickte ich im Weltkrieg eine Krise der gesamten europäischen Kultur; die Gegenwart betrachtete ich – mit den Worten Fichtes – als das Zeitalter der vollendeten Sündhaftigkeit, als eine Krise der Kultur, aus der nur ein revolutionärer Ausweg möglich ist. Natürlich beruhte dieses ganze Weltbild noch auf rein idealistischen Grundlagen, und dementsprechend hätte sich die ‘Revolution’ nur auf geistiger Ebene abspielen können.“8

So kam Lukács messianisch – überschwenglich zum Marxismus. In die Zeit des 1. Weltkrieges fallen unterschiedliche, ja widersprüchliche geistige und politische Einflüsse. Neben dem Versuch, die Krise der europäischen Kultur in einer utopisch-kunstphilosophischen Perspektive zu überwinden – am deutlichsten erkennbar in der 1914/15 geschriebenen Theorie des Romans – tritt nun eine zweite Phase der intensiven Beschäftigung mit Marx, dessen Frühschriften Lukács entdeckt und mit der idealistischen Geschichtsphilosophie Hegels verbindet. Gleichzeitig ist er stark beinflußt durch den ungarischen Linkssozialisten Ervin Szabo, der ihn auf den Syndikalismus Sorels aufmerksam macht und liest die Vorkriegsschriften von Rosa Luxemburg. Diese theoretischen Einflüsse begründeten wohl seine lebenslang andauernde Abneigung gegen die Sozialdemokratie, in dieser Zeit namentlich gegen Kautsky, der auf ihn einen „geradezu abstoßenden Eindruck“9 macht. Obwohl ihm nach eigenem Bekunden der imperialistische Charakter des Krieges zunehmend klarer wird, bleibt er als akademischer Intellektueller vorerst noch von der Arbeiterbewegung getrennt. Dies ändert sich erst nach den Revolutionen 1917/18, die Lukács in einer Phase der „ideologischen Gärung“10 treffen. Nach kurzem Zögern wird er im Dezember 1918, völlig überraschend für seinen Bekanntenkreis, Mitglied der soeben gegründeten Kommunistischen Partei Ungarns (KPU). Daß dabei die positive Stellungnahme seiner späteren Frau Gertrud Bortstieber eine zentrale Rolle gespielt hat, sei hier ausdrücklich erwähnt.

Die erste Station von Lukács’ Tätigkeit als Politiker ist ebenso kurz wie dramatisch. Nach der Ausrufung der ungarischen Räterepublik ist er von März bis August 1919 zunächst stellvertretender Volkskommissar, dann Volkskommissar für das Unterrichtswesen in der Räteregierung Bela Kun und politischer Kommissar der 5. Roten Division. Nach dem militärischen Gegenangriff der Konterrevolution und dem Sturz der Rätediktatur gelingt ihm die Flucht nach Wien, wo er im Oktober verhaftet wird. Gegen die drohende Auslieferung und Hinrichtung erscheint daraufhin in zahlreichen deutschen Zeitungen ein Aufruf „Zur Rettung von Georg Lukács“, den u.a. Alfred Kerr und die Brüder Heinrich und Thomas Mann unterschrieben hatten. Ende 1919 wird Lukacs von den Wiener Behörden freigelassen.

Geschichte und Klassenbewußtsein

In der Zeit des Exils in Wien ist Lukács weiterhin als Mitglied des Zentralkomitees der KPU tätig. Als leitender Redakteur der Zeitschrift Kommunismus gehört er Anfang der 20er Jahre zum ultralinken Flügel der Kommunistischen Internationale. Rückblickend charakterisierte Lukács diese Position als „messianisches Sektierertum“, das im ungebrochenen Glauben an die nahende Weltrevolution bestrebt war, „in allen Fragen die allerradikalsten Methoden“ auszuarbeiten und „auf jedem Gebiet einen totalen Bruch mit allen aus der bürgerlichen Welt stammenden Institutionen, Lebensformen etc.“11 anstrebte. Als Lukács einen polemischen Aufsatz gegen die Teilnahme der kommunistischen Parteien an bürgerlichen Parlamenten schreibt, erwidert Lenin in scharfer Form: „Der Artikel von G.L. ist ein sehr radikaler und sehr schlechter Artikel. Der Marxismus darin ist ein Marxismus der bloßen Worte..“12 Dies hätte Lenin wohl auch, wenn er es noch hätte lesen können, zu Lukacs’ berühmtesten Buch, der 1923 im Malik Verlag erschienen Aufsatzsammlung Geschichte und Klassenbewußtsein gesagt, das in den 20er Jahren eine erste tiefe Wirkung auf die junge Intelligenz ausgeübt hat. Lukács interpretiert darin das Marxsche Denken als historisch-materialistische Aufhebung der Hegelschen Dialektik und wendet sich damit entschieden sowohl gegen einen schlichten Ökonomismus wie auch gegen eine unhistorische Dogmatisierung einzelner Bestandteile der Marxschen Lehre. „Nicht die Vorherrschaft der ökonomischen Motive in der Geschichtserklärung unterscheidet entscheidend den Marxismus von der bürgerlichen Wissenschaft, sondern der Gesichtspunkt der Totalität.13“ Erst die Analyse der „konkreten Totalität“ (Marx) eröffnet die Möglichkeit, alle einzelnen Phänomene der kapitalistischen Gesellschaft in ihrem Zusammenhang wissenschaftlich zu erkennen. Dies ist nach Lukács das wesentliche Kriterium des „orthodoxen Marxismus“: die Überzeugung, daß „im dialektischen Marxismus die richtige Forschungsmethode gefunden wurde, daß diese Methode nur im Sinne ihrer Begründer ausgebaut, weitergeführt und vertieft werden kann.“14 Jedoch ist die Totalitätskategorie nicht nur erkenntnistheoretisch zentral, sondern aus ihr ergibt sich auch erst die Möglichkeit der revolutionären politischen Praxis: „Da das Proletariat von der Geschichte vor die bewußte Umwandlung der Gesellschaft gestellt ist, muß in seinem Klassenbewußtsein der dialektische Widerspruch des unmittelbaren Interesses zum Endziel, des einzelnen Momentes zum Ganzen entstehen.“15 Dabei besitzt das, was Lukács unter Klassenbewußtsein versteht, keine empirische Qualität: denn es ist „die Ethik des Proletariats, die Einheit seiner Theorie und seiner Praxis, der Punkt, wo die ökonomische Notwendigkeit seines Befreiungskampfes dialektisch in Freiheit umschlägt“. Und insofern kann nur die kommunistische „Partei als geschichtliche Gestalt und als handelnde Trägerin des Klassenbewußtseins“16 die selbständige und für die Lohnabhängigen anschauliche Form des Klassenbewußtseins darstellen.

Lukács selbst hat später diese idealistische Überhöhung des Proletariats als sich seiner selbst bewußt werdendes „identisches Subjekt-Objekt der Menschheitsgeschichte“ zurecht als ein „Überhegeln Hegels“ bezeichnet, als eine „Konstruktion, die an kühner gedanklicher Erhebung über die Wirklichkeit objektiv den Meister selbst zu übertreffen beabsichtigt.“17

Jedoch auch wenn dieser utopisch – idealistische Grundzug unverkennbar ist: Geschichte und Klassenbewußtsein ist allemal ein lehrreiches Buch. Insbesondere die Aufhellung der Strukturbeziehungen zwischen der idealistischen Dialektik Hegels und der materialistischen – „auf die Füße gestellten“ -Dialektik im Marxschen Denken sowie die auf außerordentlich hohem Niveau durchgeführte kritische Analyse der bürgerlichen Philosophie und deren Beziehungen zum Phänomen der Verdinglichung in der kapitalistischen Warengesellschaft18 machen es auch heute noch lesenswert.

Politisches Scheitern und Rückzug in die ästhetische Theorie

1924 wird Lukács gemeinsam mit anderen „Linksabweichlern“ (u.a. Korsch und Bordiga) auf dem V. Weltkongreß der Komintern scharf kritisiert und muß sich von Geschichte und Klassenbewußtsein öffentlich distanzieren. Gleichwohl gehört er weiterhin zum Führungskreis der illegalen KPU in Wien. Hier steht er schon seit Anfang der 20er Jahre in Opposition zum Sinowjew-Zögling Bela Kun und gehört zur Fraktion um den ehemaligen Linkssozialdemokraten Jenö Landler, der in der ungarischen Räterepublik Volkskommissar des Innern gewesen war. 1924/25 kommt es über der Frage der Haltung zu den Gewerkschaften faktisch zur Spaltung der Partei. Als Kun und seine Leute irrsinnigerweise die Verweigerung der Gewerkschaftsbeiträge verlangen, weil diese den sozialdemokratischen Parteibeitrag mit einschließen19 (was praktisch einem Selbstmord der illegal arbeitenden ungarischen Kommunisten gleichgekommen wäre) treten Landler und Lukács aus dem ZK zurück. Da bereits zuvor die Beziehungen zum linken Flügel der SPÖ intensiviert worden sind, erscheint nun jedoch die Gründung einer neuen Partei möglich: Die Ungarische Sozialistische Arbeiterpartei (USAP) solldie strategische Aufgabe bewältigen, in Ungarn nach dem Sturz der Horthy-Diktatur die Demokratie und die Republik wiederherzustellen. Da Landler 1928 stirbt, fällt Lukács die Aufgabe zu, dafür einen Programmentwurf zu schreiben.

Das Programm der „Demokratischen Diktatur“ ist das Kernstück der sogenannten Blum-Thesen (Blum war sein Pseudonym in der Wiener Illegalität), die Lukács 1928 zur Vorbereitung des II Parteitages der KPU verfaßt. Im Gegensatz zum Kun-Flügel, der an der Diktatur des Proletariats festhält, propagieren die Blum Thesen „die vollkommene Verwirklichung der bürgerlichen Demokratie“, welche die „Möglichkeit“ darstelle, „jene organisatorischen Formen zu schaffen, durch deren Hilfe die breiten Massen der Arbeiter ihre Interessen der Bourgeoisie gegenüber zur Geltung bringen“20 Als das Exekutivkomitee der Komintern daraufhin einen offenen Brief21 veröffentlicht, in dem – schon ganz im stalinistischen Duktus des Kampfes gegen den „Sozialfaschismus“ – die Unvereinbarkeit der Thesen mit dem Bolschewismus, Liquidatorentum, bürgerlicher Reformismus und Anpassung an die Sozialdemokratie kritisiert wird, muß sich Lukács erneut von sich selbst distanzieren, um nicht aus der Partei ausgeschlossen zu werden. Es entbehrt nicht eines gewissen – für Lukács typischen – Zynismus, wenn er diese Selbstkritik 1967 als „Eintrittkarte“ bezeichnet, um sich am „Kampf gegen den nahenden Faschismus aktiv zu beteiligen“22. Die Konsequenz war für ihn jedoch klar: Rückzug aus der aktiven Politik, um sich nun ganz auf die theoretische Arbeit zu konzentrieren. Freilich hatte er mit den Blum – Thesen eine politische Plattform formuliert, die von nun an „den Leitfaden“ für seine „weitere theoretische wie praktische Tätigkeit abgab“23.

Abgesehen von einem Zwischenaufenthalt in Berlin (1931-33) wo er im Auftrag der Komintern im Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller (BPRS) an der Ausarbeitung einer neuen literaturpolitischen Linie beteiligt ist, verbringt Lukács die Zeit zwischen 1930 und 45 in Moskau. Hier entstehen nun die großen Arbeiten über den historischen Roman und den Realismus in der Erzählkunst sowie seine Studien zur marxistischen Ästhetik Ganz auf dem Boden der Blum -Thesen entwirft er hier, in der „machtgeschützten Innerlichkeit“ (Thomas Mann) des Hochstalinismus, sein Programm einer „Ästhetik der revolutionären Demokratie“24, wobei ihm das Erbe der klassischen, bürgerlich-realistischen Literatur als ästhetische Norm gilt. Klassik in diesem Sinne verstand Lukacs als „Summe des in einer Gesellschaftsform kulturell und damit sozial verbindlich Erreichten. Dies mußte freilich für ihn objektiviert, in Form gebracht und auf Dauer gestellt sein.“25 In der künstlerischen Formgebung wird die extensive, unendlich reichhaltige Totalität der Wirklichkeit zur intensiven Totalität des Kunstwerks verdichtet. Kunst hat insofern die Funktion einer „richtigen Widerspiegelung des Gesamtzusammenhangs“26, wobei diese jedoch nicht mechanisch, als photographische Abbildung mißverstanden werden darf, sondern als durch -subjektiv-künstlerische Gestaltung vermittelte Herausarbeitung des Wesentlichen und Typischen. Von hier aus wird deutlich, warum für Lukács gerade der bürgerliche Roman des 19. Jahrhundert eine ästhetische Vorbildfunktion erhält: die großen epischen Gestaltungen eines Goethe, Balzac, Tolstoi und Keller entfalten ein gesellschaftliches Panorama, in dem das Denken und Handeln typischer, d.h. durch die soziale Struktur geprägter Individuen gezeigt wird. Ist die große, wirklich bedeutende Kunst auf der einen Seite maßgeblicher Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses der menschlichen Gattung über ihre eigene, jeweils konkret gesellschaftlich geprägte Geschichte, hat sie auf der anderen Seite eine humanisierende Funktion. In gewisser Weise knüpft Lukács damit an Schillers Programm einer ästhetischen Erziehung an: „Durch Schönheit zur Freiheit“ bedeutete für ihn, daß der Sozialismus/Kommunismus ohne die – auch ethische – Wirkung der Kunst von vornherein zum Scheitern verurteilt sei. Damit war es ihm schon als Volkskommissar für das Unterrichtswesen 1919 bitter ernst. In einer Verordnung verfügte er: „Wer Theaterkarten zu einem höheren Preis als auf ihnen angegeben verkauft, vergeht sich nicht allein gegen die Proletarierehre, sondern verübt auch eine Strafhandlung und wird vor ein Revolutionsgericht gestellt“.27

Die in der sog. „Expressionismusdebatte“ 1937/38 zutage tretende Einseitigkeit von Lukács’ Position, den Realismus in der Literatur strikt am Hauptparadigma des bürgerlichen Romans von Balzac bis Thomas Mann festzumachen und dies als ästhetische Norm für sozialistisch-realistische Literatur zu definieren, ist vielfach kritisiert worden. Nicht zu unrecht, hat er doch, wie etwa seine schroffe Ablehnung von Joyce und Kafka, aber auch des Brechtschen Realismuskonzepts,28 dokumentiert, fruchtbare Neuansätze in der Literatur geradezu „verbarrikadiert.“29 Gleichwohl gilt es bei aller Kritik zu bedenken: Lukács ging es kulturpolitisch immer auch um eine Volksfrontstrategie, d.h. um das Bündnis mit den aufgeklärten und humanistisch gesinnten Teilen des Bürgertums, Schließlich hat er mit seinen Studien über den historischen Roman, über Goethe und seine seine Zeit sowie den kritischen Realismus bei Thomas Mann Maßstäbe für eine am historisch-materialistischen Denken sich orientierende Ästhetik gesetzt, hinter die marxistische Literaturwissenschaft nicht mehr zurückfallen kann.

Das Spätwerk: Zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins

Nachdem er 1945 aus dem sowjetischen Exil nach Ungarn zurückgekehrt war, gelangte Lukács auf den Höhepunkt seines Ruhms. Seine Beteiligung an zahlreichen Kongressen und Kontroversen (etwa mit Heidegger und Sartre) bezeugen seinen internationalen Einfluß. In dem ebenso monumentalen wie umstrittenen Werk Die Zerstörung der Vernunft rechnete er nun mit den irrationalistischen Strömungen in der bürgerlichen Wissenschaft und Philosophie ab, die nach seiner Auffassung die geistigen Wegbereiter des Faschismus gewesen waren. Im eigenen Land war er freilich weniger erfolgreich. Nachdem er bereits 1949 und 1951, wiederum wegen „Rechtsabweichung“, von den Vertretern der stalinistischen Orthodoxie scharf angegriffen worden war, folgte 1956 erneut eine Episode als (gescheiterter) Politiker. Für kurze Zeit rückte er ins ZK der KPU und wurde in der Regierung Nagy Minister für Volksbildung. Nach der Niederschlagung des ungarischen Aufstandes durch sowjetische Panzer wurde er nach Rumänien deportiert und in einem alten Schloß interniert. Erst im April 1957 kehrte er nach Budapest zurück. Seinen behaglichen Sinn für Boshaftigkeiten dokumentierte er hernach mit dem Satz, es sei ihm ergangen wie im Kommunismus: er habe alles zum Leben Nötige gehabt – bloß kein Geld. Nach dem fälligen Ausschluß aus der Partei (in die er erst 1969 wieder aufgenommen wurde) lebte er als Privatgelehrter und konnte sich nun ganz der theoretischen Arbeit widmen. 1963 erschien der erste Band seiner großen Ästhetik im Rahmen der großen Werkausgabe im Luchterhand Verlag. Erst nach seinem Tode wurde sein letztes monumentales Werk Zur Ontologie des gesellschaftlichen Sein veröffentlicht. Mit diesem beabsichtigte er die Summe seines philosophischen Denkens zusammenzufassen. Kritisch anknüpfend an Geschichte und Klassenbewußtsein 30und zentrale Gedanken der 1938 verfaßten Studie Der junge Hegel (auch heute noch eine der besten Einführungen in das Hegelsche Denken!), verband er mit der Ontologie nicht weniger als die Absicht, die authentischen theoretischen Grundlagen des Marxismus in allgemeiner philosophischer Form zu rekonstruieren. Seine politische Intention charakterisierte er 1969 in einem Brief an einen sowjetischen Freund: „Hier betrachtet man mich als Revisionisten, während sie mich auf der anderen Seite (d.i. im Westen, Hervorh. von mir, U.W.) zu einem Stalinisten machen. Solange das Problem der wirklichen Natur des Marxismus nicht theoretisch geklärt ist, kann sich diese Situation nicht ändern. Es muß vor allem deutlich gemacht werden, daß Lenin der wirkliche Nachfolger von Marx war, während Stalin im wesentlichen eine Verfälschung des Marxismus, oder bestenfalls dessen Vulgarisierung verkörperte.“ 31

In der Ontologie knüpfte Lukács zunächst an die Theorie des Schichtenbaus des Seins an, die der deutsche Philosoph Nicolai Hartmann entwickelt hatte. So wie das organische Sein der Natur auf der anorganischen Seinstufe aufbaut, setzt das „gesellschaftliche Sein im ganzen und in allen Einzelprozessen .. das Sein der unorganischen und organischen Natur voraus.“32 Dies ist das Grundprinzip der materialistischen Ontologie, wobei hervorzuheben ist, daß Lukács‘ Seinsbegriff im Unterschied zu dem der Tradition (Aristoteles etc.) nicht statisch ist: vielmehr ist Sein der Inbegriff irreversibler Geschichtlichkeit. In diesem historischen Prozeß wachsen die Gegenständlichkeitsformen oder Kategorien der höheren Seinstufe aus denen der unteren heraus und überformen diese. Dies gilt auch für das gesellschaftliche Sein, dessen Gegenständlichkeitsformen „im Laufe des Entstehens und der Entfaltung der sozialen Praxis aus dem naturhaften Sein“ hervorgehen und mit zunehmender gesellschaftlicher Komplexität, dem „Zurückweichen der Naturschranke“ (Marx), „immer ausgesprochener gesellschaftlich“33 werden. Für die historisch-materialistische Ontologie des gesellschaftlichen Seins wird somit die Arbeit zur zentralen Kategorie. Hier knüpft Lukács an die berühmte Formulierung von Marx im 1. Band des Kapital an, derzufolge der schlechteste Baumeister der besten Biene voraus habe, „daß er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut.“34 Im teleleogischen (zweckbezogenen) Akt der Arbeit steckt die ideelle Vorwegnahme des Arbeitsprodukt, diese geht formbestimmed in die neue – gesellschaftliche – Gegenständlichkeitsform ein. Gilt einerseits, daß mit „dem Akt der teleologischen Setzung das gesellschaftliche Sein an sich da“,35 so wird andererseits das Bewußtsein auf dieser Seinsstufe zu einer realen Seinsmacht und hört auf ein Epiphänomen zu sein. Erst dies ermöglicht die bewußte Planung und Steuerung von gesellschaftlichen Prozessen – auch jenseits der Entwicklungslogik der kapitalistischen Produktionsweise, deren unbewußtes Bewegungsgesetz die „Verwertung des Werts“ (Marx) ist.

Es kann hier nicht in extenso auf die kritische Diskussion um Lukacs’ Spätwerk eingegangen werden. Neben der Kritik von Seiten der marxistischen „Orthodoxie“, die Ontologie sei eine „Modeschöpfung des Idealismus36, sind hier insbesondere die Einwände seiner eigenen Schüler (Agnes Heller u.a.)37zu berücksichtigen. In der Tat kann auch eine radikal historische Ontologie dem Widerspruch zwischen unhistorischem System und historisch-diialektischer Methode nur schwer entgehen. Vielleicht ist es aber auch so: Lukács sah die Möglichkeit kommender finsterer Zeiten, in denen das Licht der historisch-materialistischen Vernunft zu verlöschen droht. Mit der Ontologisierung des Marxismus wollte er Pflöcke einschlagen und Vorkehrungen gegen dessen Verschwinden treffen.

Literatur:

Beyer, Wilhelm Raimund (1970): „Marxistische Ontologie“ – Eine Modeschöpfung desIdealismus. In: ders., Vier Kritiken: Heidegger, Sartre,Adorno, Lukacz, Köln.

de la Vega, Rafael (1977): Ideologie als Utopie, Marburg.

Feher, Ferenc u.a. (1979): Notes on Lukacs’ Ontology. In: Telos 29/1976: 160 – 181.

Geschichte und Klassenbewußtsein heute, 2 Bde., Ffm (1977)

Georg Lukacs Werke (GLW), erschienen im Luchterhand Verlag

Lukacs (1967): Vorwort zur Neuauflage von Geschichte und Klassenbewußtsein, in: Lukacs (1968): 5 – 45.

Ders. (1968): Geschichte und Klassenbewußtsein, Neuwied/Berlin; auch in: GLW, Bd. 2.

ders. (1971 a): Die Seele und die Formen, Neuwied/Berlin.

ders. (1971 b): Die Theorie des Romans, Neuwied/Berlin.

ders. (1972): Zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins. Die ontologischen Grundprinzipien von Marx, Darmstadt/Neuwied.

ders. (1973): Schriften zur Ideologie und Politik, 2. Aufl., Darmstadt/Neuwied.

Ders. (1977): Kunst und objektive Wahrheit, Leipzig.

ders. (1981 a): Sein Leben in Selbstzeugnissen, Bildern und Dokumenten. Zusammengestellt von Eva Fekete u. Eva Karadi, Stuttgart.

ders.(1981 b): Gelebtes Denken. Eine Autobiographie im Dialog, Ffm.

Mayer, Hans (1988): Ein Deutscher auf Widerruf, Ffm.

Mittenzwei, Werner (1977): Lukacs’ Ästhetik der revolutionären Demokratie. In: Lukacs (1977): 5 – 18.

Raddatz, Fritz J. (1972): Georg Lukacs in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Reinbeck bei Hamburg.

Ruben, Peter/Warnke, Camilla(1979): Arbeit – Telosrealisation oder Selbsterzeugung der menschlichen Gattung? In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 1/1979: 20 – 30.

Schmitt, Hans-Jürgen (Hrsg.) (1973: Die Expressionismusdebatte. Materialien zu einer marxistischen Realismuskonzeption., Ffm.

Tertulian, Nicolas (1979): On the later Lukacs. In: Telos 40/1979: 136 – 144.

Wolf, Ulrich (1986): Georg Lukacs: Zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins, Diss. Paderborn.

1 Vgl. Lukacs (1971 a); Georg Lukacs Werke (=GLW) Bd. 15 -17; Lukacs (1971 b)1971.

2 In:GLW Bd. 2

3 Vgl. etwa Mayer (1988): 95 f. Ein Deutscher auf Widerruf, Ffm. 1988, Bd. 1: 95 f. Zur Rezeptionsgeschichte vgl. Geschichte und Klassenbewußtsein heute, 2 Bde., Ffm 1977.

4 Vgl. De la Vega (1977) Ideologie als Utopie, Marburg 1977.

5 Lukacs (1981): 42.

6 Ebenda: 58.

7 Lukacs (1962): 14

8 Lukacs (1981): 66

9 Ebenda 72.

10 Lukacs (1973): 327.

11 Lukacs (1967): 12.

12 Zit. Nach Lukacs (1981): 126.

13 Lukacs (1968): 94.

14 Ebenda: 59.

15 Ebenda: 156.

16 Ebenda: 115.

17 Lukacs (1967): 25.

18 Vgl. dazu v.a. den Aufsatz über „Die Verdinglichung und das Bewußtsein des Proletariats“

19 Vgl. Lukacs (1981 b): 121.

20 Lukacs (1973): 307.

21 Ebenda: 727 – 52

22 Lukacs (1967): 34

23 Ebenda: 35.

24 Vgl. Mittenzwei (1977)

25 Benseler (1979): 156.

26 Lukacs (1977): 82.

27 Lukacs (1981 b): 92.

28 Vgl. dazu die in Schmitt (1973) dokumentierte Kontroverse.

29 Raddatz (1972): 78.

30 So akzeptierte er nun ausdrücklich die in Geschichte und Klassenbewußtsein noch abgelehnte Naturdialektik. Diese sei jedoch nur die „Vorgeschichte“ zur Dialektik des gesellschaftlichen Seins. Vgl. Lukacs (1981 a): 269.

31 Brief v. 15.2.1969, zit. nach Tertulian (1979).

32 Lukacs (1972): 11.

33 Ebenda: 11 f.

34 MEW 23: 193.

35 Lukacs (1972): 12.

36 Beyer (1970); stichhaltiger Ruben/Warnke (1979).

37 Vgl. Feher u.a. (1976).

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Einführung in den „historischen Materialismus“

Im Rahmen der Seminarreihe „Grundlagen sozialistischer Politik“ laden wir euch ganz herzlich zu folgendem Online-Seminar ein:

20.3.und 27.3.2021 11 – 14 Uhr

Einführung in den „historischen Materialismus“

Thema des zweiteiligen Online-Seminars ist eine Einführung in die philosophischen Grundlagen des Marxismus/Sozialismus, die im Zusammenhang mit der „materialistischen Geschichtsauffassung“ stehen. Marx und Engels schufen damit ein theoretisches Instrumentarium, mit dem wir umfassend historisch-soziale Prozesse analysieren und erklären können. Dieses soll gemeinsam erarbeitet und diskutiert werden. Dabei geht es u.a. um

– grundlegende philosophische, soziologische und ökonomische Kategorien der materialistischen Geschichtsauffassung

– Urgesellschaft und Klassengesellschaften

– Theorie der historischen Gesellschaftsformationen/Produktionsweisen

– historische Entstehung des Patriarchats

– Entstehung des Kapitalismus

– Mensch-Natur-Verhältnis und ökologische Krise.

Als Vorbereitung auf das Seminar wird nach Anmeldung ein Reader verschickt. Weitere Vorkenntnisse sind nicht erforderlich.

Anmeldungen bis zum 13.3. an ulrich.wolf@rls-nds.de.

Die Teilnehmer*ìnnenzahl ist auf 20 beschränkt.


Veranstalter: Rosa-Luxemburg-Club Hannover in Kooperation mit dem Projekt moderner Sozialismus Hannover e.V.

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Rosa Luxemburg Tage 29.Okt. – 7.Nov. 2020

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Nachruf: Projekt Moderner Sozialismus Hannover trauert um unseren Vorsitzenden Steffen Holz

Wir trauern um unseren Vorsitzenden Steffen Holz, mit Ihm ist ein besonders engagierter und zuverlässiger Gewerkschafter und langjähriger DGB-Sekretär von uns gegangen.

Er hat nicht nur große Demonstrationen und ArbeiterInnen-Kämpfe miterlebt sondern hat sie auch organisiert und gestaltet. Unabhängig ob es sich um den 1. Mai, als Kampftag der ArbeiterInnen-Klasse handelte, oder um „Bunt statt Braun“ Aktivitäten alljährlich in Bad Nenndorf, immer war es Steffen Holz, der maßgeblich daran beteiligt war.

Sein klassenbewusstes, antifaschistisches Bewusstsein war unerschütterlich.

Steffen Holz war im besten Sinne ein Gewerkschaftsurgestein. Friedensbewegt und immer ansprechbar, wenn es um neue Bewegungen ging. Es war nicht zuletzt sein Verdienst, dass viele Gewerkschafter sich dem Widerstand anschlossen und sich nicht nur in Berlin an der Demonstration mit über 250.000 Menschen beteiligten, sondern sich danach machtvoll in Hannover an den Aktionen gegen TTIP,CETA und TISA beteiligten.

Ein anderer Schwerpunkt von Steffens Wirken war der Kampf gegen Rechts. Gefühlt war Steffen an jeder Aktion gegen die aufkommende AfD und ihre Vorläufer beteiligt. Mit seiner liebevoll-mürrischen Art, harrte er auch bei Nässe und Sturm bei den Demonstranten aus. Er war dafür bekannt, dass er kein Blatt vor den Mund nahm und die gemeinsamen Ziele hartnäckig verfolgte

Als überzeugter Gewerkschafter, Friedensaktivist und Antifaschist wird uns Steffen in Erinnerung bleiben.

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Lenins 150. Geburtstag

Lenin im 21. Jahrhundert. Was lässt sich vom Theoretiker der Revolution für heute lernen?

Am 22. April 1870 wurde Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, geboren.

Er widmete sein gesamtes Leben der Revolution, der Weltrevolution. Anhänger*innen gab es weltweit, besonders im globalen Süden, wo sein Name Unabhängigkeit von kolonialer und imperialistischer Ausbeutung und nachholende Entwicklung versprach. Bis vor gut fünf Jahrzehnten waren Lenins Worte – oder vielmehr die jeweiligen Deutungen seiner aus dem Zusammenhang gerissenen Worte – in den kommunistischen Massenparteien in West und Ost Gesetz.

Mit dem Zusammenbruch des Staatssozialismus verschwand in der an Marx orientierten Linken im Westen nicht nur der Marxismus-Leninismus, sondern auch Lenin als Denker.

Zusammen mit Ingar Solty fragen wir nach der Aktualität seines Denkens in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche und politischer Krisen.

Ingar Solty ist Referent für Friedens- und Sicherheitspolitik am Institut für Gesellschaftsanalyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Fellow des Instituts für kritische Theorie e. V. und Redakteur bei der Zeitschrift LuXemburg.

Veranstalter sind der Rosa-Luxemburg-Club Hannover und das Projekt Moderner Sozialismus Hannover.

Termin: Mittwoch, 29.04.2020, 19 Uhr
Ort: Online, bei Facebook, mit Live-Chathttps://www.facebook.com/rosaluxNDS

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Fr.15.Nov – Sa.16.Nov.2019 Rosa Luxemburg Tage

EINE ANDERE WELT IST NÖTIG – SOZIALISMUS ALS LÖSUNG?


EINE ANDERE WELT IST NÖTIG – SOZIALISMUS ALS LÖSUNG?

Krisen ohne Ende: während die ökologische (Klima)Krise »Fridays for Future« hervorgebracht hat, fragen sich mache schon: »Wann kommt die nächste große Finanzkrise?«

Dass deshalb dem Kapitalismus trotz ungebrochenen technischen Fortschritts immer weniger Menschen eine Zukunft geben, davon zeugt nicht zuletzt die Renaissance sozialistischer Ideen in den USA und GB.
Unter dem Motto »Eine andere Welt ist nötig – Sozialismus als Lösung?« fragen wir deshalb nach Alternativen zum Kapitalismus und stellen Entwürfe für eine andere Gesellschaft zur Diskussion.

Können alte Ideen und neue Konzepte zu einem Sozialismus des 21. Jahrhunderts verknüpft werden? Welche Rolle spielt dabei die technologische Entwicklung? Welche Rolle spielen der Feminismus und Kämpfe um die Reproduktion? Ist der Sozialismus der Zukunft nur im globalen Maßstab oder auch in regionalen Dimensionen denkbar? Und nicht zuletzt: Welche Rolle spielen dabei die ökologische Frage und neue Lebensweisen?

FREITAG KINO IM SPRENGEL, KLAUS-MÜLLER-KILIAN WEG 2, HANNOVER
20:00 UHR
AUFTAKTVERANSTALTUNG

»DER PREIS DER FREIHEIT«
Film über Rosa Luxemburg mit kleinem Imbiss Eintritt frei, um Spenden wird gebeten

Zum Auftakt zeigen wir den Dokumentarfilm »Rosa Luxemburg oder: Der Preis der Freiheit«. Die Regisseurin Inga Wolfram zeichnet darin ein Porträt der streitbaren Sozialistin, die im Januar 1919 von rechten Freikorpsoffizieren ermordet wurde.
Rosa Luxemburg gilt neben Karl Liebknecht als wichtigste Reprä- sentantin internationalistischer und antimilitaristischer Positionen
in der SPD. Anfang des 20. Jahrhunderts, als kaum Frauen studierten, gehörte sie zu den wenigen promovierten Akademikerinnen in Deutschland und Frauen in der aktiven Politik. Ihre leidenschaftliche und überzeugende Kapitalismuskritik war der Motor ihres revolutio- nären Tuns. Der Film führt an die wichtigsten Lebensorte von Rosa Luxemburg, zeigt unterschiedliche Lebensphasen der Revolutionärin im animierten Graphic-Novel-Stil Zeichnungen der jungen britischen Künstlerin Kate Evans.

SAMSTAG VERDI-HÖFE, GOSERIEDE 10,
HANNOVER NENNEN WIR ES SOZIALISMUS – UTOPIEN FÜR EINE ANDERE GESELLSCHAFT
10:30 UHR

VORTRAG UND DISKUSSION
Alternativen zum Kapitalismus
WARUM, DARUM UND WIE‘RUM SOZIALISMUS?
Mit Ingar Solty (Rosa-Luxemburg-Stiftung, Referent für Friedens- und Sicherheitspolitik)

12:30 UHR MITTAGSPAUSE
13:15 UHR
SZENISCHE LESUNG
MIT GROSSEN, SANFTEN SCHWARZEN AUGEN Aus den Gefängnisbriefen der Rosa Luxemburg
Mit dem KünstlerInnenkollektiv M.PöRT
Tristan Jorde
(Wien) und Kristin Kehr (Stade)
14:15 UHR
FOREN ZU
FEMINIST FUTURES
Kein Sozialismus ohne Feminismus
Mit Julia Dück (Rosa-Luxemburg-Stiftung, Referentin für soziale Infrastruktur und verbindende Klassenpolitik)

DIGITALISIERUNG DER ÖKONOMIE UND ZUKUNFT DER ARBEIT
Mit künstlicher Intelligenz zum Sozialismus?
Mit Sebastian Wertmüller (ver.di, Bezirksgeschäftsführer Süd-Ost-Nds)

SYSTEM CHANGE NOT CLIMATE CHANGE
Ökosozialismus oder Barberei?
Mit Steffen Kühne (Rosa-Luxemburg-Stiftung, Referent für sozial- ökologischen Umbau) und Hannah Springer (Fridays for Future)

LINKER INTERNATIONALISMUS
– zwischen Nationalstaat und Globalpolitik
Mit Peter Wahl (Vorstand WEED – Weltwirtschaft, Ökologie & Entwicklung)

WOHNEN FÜR ALLE
Ist sozialistische Wohnungspolitik im Kapitalismus möglich?
Mit Karin Zauner-Lohmeyer (Europäische Bürgerinitiative „Housing for all“, Wien) und Michail Nelken (Wohnungspolitischer Sprecher Fraktion DIE LINKE im Abgeordnetenhaus Berlin)
16:30 UHR

PODIUMSDISKUSSION
KOOPERATION STATT SPALTUNG – PERSPEKTIVEN DER MOSAIKKLINKEN

Mit Sevim Dagdelen (MdB DIE LINKE), Peter Wahl (WEED), Sebastian Wertmüller (ver.di), Dirk Wittenberg (Interventionistische Linke), Michael Nagel (Fridays for Future)
Eine Veranstaltung des Rosa-Luxemburg-Club Hannover und der Rosa-Luxemburg- Stiftung Niedersachsen und dem Ver.di Bildungswerk in Kooperation mit dem Projekt Moderner Sozialismus Hannover und der Fraktion DIE LINKE im Rat der LHH

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Do. 12.Sep.2019, Beginn 19Uhr – Der Iran im Fadenkreuz der USA

Der Iran im Fadenkreuz der USA

Am 21. Juni 2019 stand die Welt offenbar kurz vor dem Beginn eines neuen mörderischen Krieges. Die US- Regierung stoppte nach eigenen Angaben einen groß angelegten völkerrechtswidrigen Angriff auf den Iran erst im letzten Moment. Stattdessen führte sie eine andere Kriegshandlung aus, eine Cyberattacke auf iranische Einrichtungen.

Doch die Gefahr eines erneuten Angriffskrieges der USA im Mittleren Osten und eines gefährlichen Flächen- brandes in dieser Region und womöglich darüber hinaus ist längst nicht gebannt. Das US-Imperium hat den Iran schon seit längerem als Gegner militärisch ins Faden- kreuz genommen.

Nachdem der US-Präsident das Atomabkommen mit dem Iran grundlos gekündigt und – befeuert von Saudi- Arabien und Israel – Kriegsschiffe in die Golfregion entsandt hat, droht der schon jahrzehntelange Kampf um die Vorherrschaft am Persischen Golf wieder aufzuflammen.

Prof. Mohssen Massarat und zahlreiche iranische Wissenschaftler*innen haben einen Appell an die Bundesregierung geschickt, alles in ihrer Machtliegende zu tun, um einen Flächenbrand im Nahen und mittleren Osten zu verhindern. Sie empfehlen einen Schulter- schluss mit den Unterzeichnerstaaten des Atomvertrages (England, Frankreich, Russland und China) sowie die Aufhebung der Sanktionen gegen den Iran, die nur den Hardlinern Vorschub leisten.

Wir wollen mit dem Politikwissenschaftler und Iran- Experten Mohssen Massarrat diskutieren, welche politischen Schritte unternommen werden müssten, um eine stabile und gerechte Friedensordnung im Nahen und Mittleren Osten zu etablieren und was die Friedens- kräfte in Hannover dafür tun könnten.

Eine Veranstaltung des Rosa-Luxemburg-Club Hannover in Kooperation mit dem Bildungswerk ver.di Nds. und Projekt Moderner Sozialismus Hannover


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Di. 29.Jan.2019, Beginn 19Uhr – Yanis Varoufakis

Yanis Varoufakis: »Die ganze Geschichte. Meine Auseinandersetzung mit
Europas Establishment«

Es lesen Rainer IwersenUlrike KnospeChristian Bergmann undProf. Dr. Rudolf Hickel gibt ökonomische Erläuterungen.
Die Premiere fand 2018 in der bremer shakespeare company statt. Textauswahl: Gerd Bock | Lesefassung: Rainer Iwersen

In seinem ebenso brillanten wie spannenden Bericht schildert Varoufakis die Erfahrungen, die er als griechischer Finanzminister mit den Vertre- tern der EU gemacht hat: Auf 600 Seiten protokolliert und analysiert er das Ringen um eine demokratische und soziale Veränderung der Politik gegenüber Griechenland und Europa generell. Wir schauen hinter die Kulissen der Machtzentren in der Eurozone. Varoufakis’ Protokolle seiner Kämpfe mit ihren Vertretern sind so aufschlussreich wie mitunter ko- misch. Dabei ist die griechische Niederlage eine Tragödie – nicht nur für die griechische Bevölkerung, sondern für die ganze EU.

Oxi zu dieser Eurozone

In der Nacht vom 5. Juli 2015, als die Griechen mit 63 Prozent »Oxi/Nein« zur Troika-Politik sagten, erklärte Janis Varoufakis gegenüber der Pres- se: »Unser Nein ist ein majestätisches, großes Ja zu einem demokratischen Europa. Es ist ein Nein zu der düsteren Vision einer Eurozone, die wie ein eiserner Käfig für Europas Völker ist. Aber es ist ein lautes Ja zu einer Vision der Eurozone, die soziale Gerechtigkeit und gemeinsamen Wohlstand für alle Europäer verheißt.«

Ein historischer Satz. Im Rückblick erscheint der Sieg des Berlin/Brüs- seler-EU-Establishments über die griechische Bevölkerung wie ein Pyr- rhussieg. Vor allem Varoufakis hatte versucht, aus der europäischen Krise einen Ausweg zu weisen. Er wurde dafür massiv verleumdet und medial diffamiert – nicht ohne negative Folgen: Nationalistische Bewegungen haben in Europa weiteren Auftrieb bekommen. Großbritannien hat der EU den Rücken gekehrt und in Italien versucht ein Bündnis mit rechts- populistisch-rassistischer Schlagseite der Zwangsjacke der herrschenden europäisch-deutschen Agenda zu entkommen. Brillant beschreibt Varou- fakis in seinem Buch: »Die ganze Geschichte – Meine Auseinanderset- zung mit Europas Establishment (Adults in a room)« die Mechanismen der Macht in der EU. Dieses Ringen um eine demokratische und soziale Veränderung der europäischen Politik 2015 führt er wie eine antike Tra- gödie vor, deren mächtigsten Figuren deutsche Politiker waren. Die in der »bremer shakespeare company« präsentierten Auszüge aus Varoufakis Text können wichtige Aspekte des Kampfes neu lebendig machen, den Griechenland gegen die vereinte Streitmacht der EU, des Internationa- len Währungsfonds (IWF) und der deutschen Massenmedien geführt und verloren hat – zum Nachteil der Menschen in Griechenland und auch zum Nachteil der Zukunft eines vereinten Europas.

v. i. S. d. P.: Rainer Butenschön, Damaschkestr. 10, 30659 Hannover

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Fr. 18.Jan.2019, Beginn 19Uhr – ROSA LUXEMBURG

ROSA LUXEMBURG

EINE REVOLUTIONÄRE SOZIALISTIN

Den 100. Jahrestag der Ermordung von Rosa Luxemburg (und Karl Liebknecht) am 15. Januar 1919 nehmen wir zum Anlass, Leben und Werk der revolutionären Sozialistin, Mitbegründerin des Spartakus- bundes und der Kommunistischen Partei Deutschlands, zu würdigen.

Nach einem Einleitungsvortrag von dem Politologen Prof. Michael Buckmiller und einem anschließenden kleinen Imbiss zeigen wir ab ca. 20.30 h den Film Rosa Luxemburg von Margarethe von Trotta.

In opulenten Bildern erzählt die Filme- macherin Margarethe von Trotta die bewegte Lebensgeschichte der kämpfer- ischen Sozialistin Rosa Luxemburg, die 1870 geboren und 1919 von rechten Freicorps-Offizieren ermordet wurde. In einer Mischung aus Spiel- und Dokumen- tarszenen versucht der Film, sowohl die politische, als auch die private Seite der legendären Streiterin der Arbeiterbewegung und Kriegsgegnerin Luxemburg anschaulich zu machen.

Normalpreis: 5,00 € Ermäßigter Preis: 2,50 €

Eine Veranstaltung von Rosa-Luxemburg- Stiftung Niedersachsen, Projekt moderner Sozialismus Hannover e.V., Loccumer Initiative für kritische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und DIE LINKE. Fraktion im Rat der Landeshauptstadt Hannover.

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Di. 13.Nov. Die Griechenland Solidarität Hannover lädt ein:

O Topos Mou: Solidarisch im Widerstand gegen Armut und Hoffnungslosigkeit

Dienstag, 13. Nov. 2018 | 19.00 Uhr

im Kulturzentrum Pavillon Lister Meile 4, 30161 Hannoverbarrierefrei | Eintritt frei

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Bis August 2018 war Griechenland acht Jahre lang den Kürzungs- und Privatisierungsdiktaten von EU und IWF unterworfen. Massenerwerbslosigkeit, Obdachlosigkeit, dramatische Rentenkürzungen, Armut und Hunger sind die Folgen dieser Politik, sie bestimmen weiterhin das Leben von Millionen Griechen. Dagegen hat Elias Tsolakidis in Katerini im Norden Griechenlands eine faszinierende Bürgerbewegung („O Topos Mou“ / Mein Ort) gegründet, die mit Selbsthilfe und Selbstorganisation und unter Ausschaltung der Handelskonzerne Widerstand gegen Verelendung und Hoffnungslosigkeit leistet. Darüber berichtet Elias – und er sagt auch, was wir in Hannover für ein solidarisch vernetztes Europa tun können.

Mit dabei wird an diesem Griechenlandabend auch der Bremer Historiker Dr. Karl Heinz Roth sein. Er berichtet über Fortschritte in der Frage der Reparationen, die Deutschland sich völkerrechtswidrig weigert an Griechenland für die große Zerstörungen während der

Nazi-Besatzung im Zweiten Weltkrieg zu zahlen. Roths wichtiges Buch „Reparationsschuld – Hypotheken der Deutschen Besatzungsherrschaft in Griechenland und Europa“ (zusammen mit Hartmut Rübner) wird dank des Engagements von Elias Tsolakidis ins Griechische übersetzt und den griechischen Reparationsforderungen neuen Auftrieb geben. Der Überschuldung Griechenlands kann nur mit dem Schuldenschnitt begegnet werden, kombiniert mit den unerledigten Reparationshypotheken, damit ein Schlussstrich gezogen werden kann, so Karl Heinz Roth.

Der betrügerischen Insolvenzverschleppung der Europäischen Zentralbank (EZB) muss ein Ende gesetzt werden!

Auf dieser Grundlage könnte Griechenland neue Überlebensperspektiven entwickeln.

Flyer als PDF Download: PK Solidarisch im Widerstand_web

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